Mein erster Con PDF Drucken E-Mail
Rollenspiele - Rollenspiel allgemein
Geschrieben von: Florian Thulmann   

Wer erinnert sich nicht gerne an die ersten Rollenspielabende, meistens mit Schulfreunden sonntag nachmittags im Esszimmer der Eltern? Und an den ersten Con, neugierig und nervös zugleich?

Mein erster Con

Ich weiß nicht mehr, der wievielte Teck-Con es war. Es muss so in der Größenordnung 5 oder 6 gewesen sein, also schon vor einigen Jahren. Ich war gerade mal 16 Jahre alt und wollte nach Kirchheim, das Risiko "Rollenspiel" eingehen, das Abenteuer "Con". Mein einziger Kontakt mit Rollenspielen bis dato bestand aus dem Kauf einiger DSA-Boxen und Hefte, und einer Gruppe von drei Schulfreunden, mit denen ich ein paar Mal gespielt hatte. Jetzt war ich gespannt, was denn das für Leute waren, mit denen ich eines meiner liebsten Hobbys teilte.
Ich wusste zwar, wo ich die "Linde" zu finden hatte, betreten hatte ich das Jugendhaus jedoch nie zuvor. Ich ging die Treppe hinauf zum Eingang, und dort standen jede Menge langhaarige, schwarz gekleidete Personen, die rauchten oder sich über Dinge unterhielten, die ich nicht verstand. Einer trug gar ein Kettenhemd mit stolz geschwellter Brust zur Schau und ich schnürte meine Jacke, unter der ich einen sonst eigentlich recht schönen Pulli trug, etwas weiter zu, um nicht gleich auf den ersten Blick von den Con-Besuchern als Neuling ohne passende Kleidung entlarvt zu werden.
An der Kasse bat ich um Eintritt und tatsächlich, ich wurde eingelassen. Dann jedoch, noch bevor ich den Button an meinen Pulli - jetzt musste ich mich doch als Poser zu erkennen geben - gefummelt hatte, fragte mich der Typ an der Kasse doch tatsächlich nach meiner Adresse. Oh ja, darauf war ich vorbereitet. Seine Adresse gibt man nicht einfach weiter und überhaupt, diese Rollenspieler schienen schon ein komisches Volk zu sein und vermutlich wollten sie meine Adresse eh nur an Sekten weitergeben, die mich dann ein Leben lang mit Werbeprospekten zumüllen würden. Ich fragte also, wofür sie denn meine Adresse bräuchten und erst als der Typ mir versicherte, ich müsste sie gar nicht angeben und es handle sich dabei nur um eine Adressliste für das Verschicken von Einladungen zum nächsten Con, setzte ich meine Adresse zögernd auf den linierten DinA-4-Zettel.
Trotz aller Unerfahrenheit orientierte ich mich relativ schnell auf dem Con. Es gab die Küche und zwei Verkaufsstände, und direkt neben dem Eingang ein schwarzes Brett mit Rollenspielangeboten. Ich zückte also meinen Bleistift, den ich mir neben einem Block, drei W6 und einem W20 eingepackt hatte, und entschied, mich gleich mal einzutragen. Natürlich bei DSA. Ich war nicht überrascht, als ich alle DSA-Zettel voll ausgefüllt vorfand. Klar, ich gehörte nicht dazu, und wer könnte auch erwarten, gleich beim ersten Con ein Rollenspiel zu spielen? Enttäuscht ließ ich meinen Blick über die anderen Zettel schweifen. Shadowrun, Ars Magica, Midgard, AD&D, alles Namen, die ich schon mal gehört hatte, aber unter denen ich rein gar nichts verstand. Dann ein Name, mir völlig unbekannt, aber auf einem nahezu leeren Spielezettel. Ryme. Ein Rollenspiel namens Ryme. Zugegeben, ich war wirklich kein Spezialist, aber das war mir nun völlig fremd. Ich lief nervös vor dem schwarzen Brett hin und her. Was sollte ich tun? Mich der Peinlichkeit preisgeben, mich für ein Spiel anzumelden, von dem ich keine Ahnung hatte? Die Alternative wäre, den restlichen Tag in den Kisten der Spieleläden herumzuwühlen und dann nach Hause zu fahren. Das konnte es nicht sein. Also blickte ich nach links und nach rechts - niemand da - und dann schrieb ich an dritter Stelle auf den Spielezettel "FLO".
Nun galt es, einige Stunden zu überbrücken. Sicher, es hätte sich gelohnt, noch einmal nach Hause zu fahren, aber ich wollte alles erleben. Ich wollte die Menschen sehen, die Rollenspiel spielen, das Essen von Rollenspielern essen, ich wollte einkaufen, lesen, mich vielleicht sogar mit jemandem unterhalten, kurz gesagt, ich wollte dazugehören.
Also blieb ich und erforschte das Jugendhaus. Da gab es also diesen großen Saal, in der entgegengesetzten Richtung befand sich der Brettspieleverleih. Dort blieb ich stehen, schwer beeindruckt von der riesigen Auswahl. Meine Brettspielfavoriten bis zu dem Zeitpunkt waren "Hase und Igel" und "Auf Achse". Beide waren nicht im Angebot. Als jemand der dort Spielenden mich fragte, ob er mir helfen könnte, schüttelte ich nur den Kopf und verzog mich gleich wieder. Ich wollte mich nicht gleich in den ersten Stunden blamieren, und vermutlich kannte jeder hier alle existierenden Spiele, und die Frage nach "Auf Achse" würde im harmlosesten Fall zu Gelächter und im schlimmsten Fall zu Hausverbot führen.
Also ging ich weiter alleine durch das Jugendhaus, und irgendwann ging ich die Treppe hinunter zu den Toiletten. Von dort aus führte noch eine weitere Treppe ein kleines Stück nach unten. Ich ging hinunter und blickte durch die Tür. An zwei Tischen spielten jeweils eine Rollenspielrunde, und auf jedem Tisch dort brannten Kerzen. Ansonsten war es in diesem Gewölbe - mein Blick schweifte von einem Ende zum anderen - relativ dunkel. Das sah spannend aus, und mir war klar, dass es noch mindestens drei Cons dauern würde, bis ich in diesem Raum an solch einer Profirunde teilnehmen würde.
Ehrfürchtig schlich ich mich davon und ging ein weiteres Mal zu den Verkaufsständen. Ich wagte nicht, nach DSA zu fragen, denn eine innere Stimme sagte mir, dass mich das sofort zum Greenhorn abstempeln würde. Also nahm ich aus irgendwelchen Kartons wahllos Bücher, von denen ich nichts verstand, blätterte sie durch, und wie zufällig erwischte ich nach einiger Zeit scheinbar sinnlosen Wühlens in den Kartons den DSA-Karton. Nach ein bisschen Schmökern kaufte ich mir eine Wunderwelten und suchte mir eine ruhige Ecke, um bis zum Beginn meines Rollenspiels zu lesen.
Kurz vor Beginn der Spielrunde steckte ich die Wunderwelten in meinen Rucksack und ging zum schwarzen Brett, welches als Treffpunkt für die Gruppe ausgemacht war. Dort war ich erst einmal der Einzige, niemand sonst weit und breit, und so setzte ich mich auf einen einzeln stehenden Stuhl und wartete. Kurz darauf erschien ein Mann mit Schnauzbart und blickte sich um. Konnte das mein Spielleiter sein? Wenn ja, wie sollte ich es herausfinden? Da er einfach nur stehen blieb und mich nicht ansprach, ging ich eben auf ihn zu und fragte: "Sind Sie der Ryme-Spielleiter?" Er antwortete: "Ich bin du." Den Sinn dieser Antwort konnte ich erst nach zweimaligem Nachfragen entdecken, und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass jetzt der Moment war, in dem ein großes "Ich bin Rollenspiel-Nullblicker"-Schild auch keinen Unterschied mehr gemacht hätte. Ich versuchte, die Situation durch ein aufgesetztes Lachen zu überspielen und widerstand meinem Drang, einfach hinaus zu rennen, auf mein Fahrrad zu steigen und nach Hause zu fahren. Aber es ging noch weiter. Jetzt galt es nämlich, diesem Spielleiter zu erklären, dass ich von Ryme nie zuvor etwas gehört hatte. Erst als er mir erklärte, dass es sich dabei auch um ein selbst geschriebenes Sytem handelte, sah ich ein Licht am Ende des Tunnels der Peinlichkeiten.
Dann dauerte es nicht lange und sechs Spieler waren versammelt und nach kurzer Tischsuche ging es auch schon an die Regeleinführung. Ich wählte einen Krieger als Figur und fügte mich in eine Gruppe, die ansonsten aus einem Barbaren, zwei Echsenmenschen und zwei magiebegabten Personen bestand. Die Ähnlichkeiten zwischen einem Barbaren und einem Krieger führten schließlich dazu, dass ich innerhalb der Gruppe schnell jemanden fand, an den ich mich halten konnte, und schon in der ersten Stunde stellte ich fest, dass meine Vorstellung von Rollenspiel eigentlich gar nicht so weit enfernt war von der meiner Gegenüber. Was folgte, war ein wirklich unterhaltsamer Abend. Wir reizten unsere Rollen aus, bis das Abenteuer quasi zum Erliegen kam und selten haben für mich Figuren so Gestalt angenommen wie an diesem Abend. Nach einem kürzeren privaten Pläuschchen am Ende des Abenteuers verabschiedete ich mich von den anderen und fuhr stolz nach Hause. Es hatten sich einige Dinge für mich an diesem Abend geändert. Ich hatte das Gefühl, ein echter Conbesucher zu sein und außerdem beschloss ich, mir von nun an die Haare lang wachsen zu lassen. Und als ich am Sonntag noch einmal wieder kam, spielte ich sogar Ars Magica bei Kerzenschein im Gewölbekeller.